Yana

Während man sich auf unseren Genfersee-Breitengraden im Frühling wähnen könnte, geht der Winter in St. Petersburg erbarmungslos weiter.
Vergangene Nacht betrug die gespürte Kàlte knapp minus sechzehn Grad.
In einem der drei Zelte von Nochlechka, in jenem, das sich in Obuchovo befindet, spricht Yana mit uns über diese rauhe Jahreszeit.

Die Angst
Die Angst, nutzlos sie zu leugnen: wir haben sie alle vor dem Winter, sagt sie uns lächelnd.
Sobald die ersten Flocken fallen, die schlimmen Winde sich in die Stadt stürzen, versuchen wir, eine Unterkunft zu finden, wo wir überwintern können.
Ein Bestreben, das ans Unmögliche grenzt. Wie sind so viele, die auf der Strasse leben und Unterschlüpfe gibt es nur wenige. Heutzutage sind die meisten Hauseingänge mit einem Code versehen.

Eine Karosserie gegen die Kälte
Die Metrostationen sind für uns strikt verboten, so wie auch die wenigen Empfangszentren der Stadt, wo man sich ausweisen muss, um die Nacht bleiben zu können.
Verbleiben noch die Gebäude im Bau oder die abgerissen werden, von einem idealen Ort weit enfernt, weil wir abhauen müssen, wobald die Arbeiter kommen. Sehr oft sind die Baustellen bewacht.
Am besten sind noch die verlassenen Betriebe, manchmal auch verlassene Autos. Mindestens schützen uns ihre Karosserien ein wenig vor der Kälte, vor dem Wind und dem Schnee.

Der Winter in St. Petersburg ist besonders agressiv. Die herrschende Feuchtigkeit macht die tiefen Tempraturen noch tödlicher.

Marschieren, um nicht zu sterben
Niemand weiss, was ihn in der Kälte erwartet, fährt Yana fort. Einen Tag marschieren wir auf unseren beiden Beinen. Am Tag darauf hat man eines amputiert oder man ist gar nicht mehr da. Um die Tücken der Kälter zu vermeiden, muss man sich bewegen, marschieren, vor allem nicht regungslos am Ort verharren.
Ich kenne mehr als einen, dem dies zustiess. Vom Marschieren erschöpft, schlafen sie an der Ecke einer Toreinfahrt ein und beginnen sehr schnell, zu erfrieren. Falls sie zudem noch getrunken haben, erwachen sie nicht mehr.

Wie wir wissen, wurden im letzten Winter gemäss offizieller Statistiken über tausend Personen Opfer des weissen Todes.

Überleben
In dieses Zelt hier kommen viele von uns so regelmässig wie möglich. Es ist eine Überlebensversicherung. Man ist an der Wärme, hat zu essen und wird gepflegt.
Im Winter kann man sich tagsüber manchmal im Mc Do aufwärmen oder im Burger King, erklärt uns Yana. Sie sind ziemlich tolerant mit uns, solange wir den Kunden nicht den Platz wegnehmen und wir in jeder Hinsicht diskret bleiben.
Ende Nachmittag beginne ich meinen Marsch zurück zum Zelt, wo ich nicht nur schlafen, sondern überleben kann.

2018 haben die drei Zelte von Nochlechka 1296 Personen aufgenommen und gerettet.

Unterstützen Sie die Überlebenszelte, retten Sie Leben.

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