Nochlezhka, Bilanz 2011

Für die russische NGO aus St. Petersburg war das Jahr 2011 kein leichtes. Hier folgt die Bilanz, die, Grigori Swerdlin, der Direktor von Nochlezhka, zieht.
Rechte werden mit Füssen getreten.

Die Situation hat sich nicht verändert. Wir bleiben machtlos vor einem Regime, in dem administrative Fehler passieren und verfassungsmässige Grundrechte verweigert werden, wie zum Beispiel das Recht zu wählen, auf Arbeit, Unterkunft und medizinische Hilfe; wo das Recht auf Mitwirkung an Entscheidungen über Umsiedlungen, über die Freiheit und das Leben mit Füssen getreten werden und folglich sehr schwierig zu verteidigen sind.
Ungeachtet dieser Realität haben karikative Stiftungen aus dem Ausland ihr finanzielles Engagement für die russischen NGO zurückgefahren.  Zudem wurden die Abgaben für gemeinnützige Vereine und deren Spendeeinnahmen entgegen den rethorischen Diskursen unserer Führungskräfte nicht reduziert.
Zum Glück sind die Signale im Rahmen der russischen Wohlfahrts-Tradition positiver. Sie erwacht langsam wieder zum Leben und wir freuen uns, dass unsere Bemühungen, die Petersburger Bevölkerung zu sensibilisieren und zu mobilisieren langsam erfolreich sind.
Im 2011 hat sich der Betrag aus privaten Spenden praktisch verdreifacht und machte 2 Millionen Rubel (58‘660 Franken) aus. 2010 waren es noch lediglich 700‘000 Rubel.
Zudem geht es besser mit der freiwilligen Arbeit. Heute haben wir ehrenamtliche Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen Horizonten: Übersetzer und Designspezialisten, Informatiker und Redakteure, Juristen und Psychologen. Alle sind bereit, uns unentgeltlich zu helfen.

Ein permanenter Kampf
Der zentrale Punkt, den es zu unterstreichen gilt, ist, dass trotz unserer Bemühungen unsere finanziellen Schwierigkeiten anhalten und wir nur einer sehr limitierten Anzahl von russischen Bürgern ohne Papiere helfen können. Nach der offiziellen Statistik gibt es in St. Petersburg mehr als 30‘000 Betroffene, eine Zahl die auf 70‘000 klettert, wenn man die unabhängigen Experten berücksichtig.
Im 2011 konnten wir „nur“ einige Tausend Papier- und Obdachlose unterstützen. Dabei mussten wir erkennen, dass es mehr als einmal fast zuviel wurde für uns. Aber wir fahren fort daran zu glauben, dass unsere bescheidenen Taten immer noch besser sind als Apathie und allgemeine Tatenlosigkeit. In Tat und Wahrheit konnten wir trotz unseren finanziellen Schwierigkeiten alle unsere Projekte am Laufen halten, das geheizte Zelt, den Nachtbus, die sozialen und rechtlichen Beratungen, das Empfangszentrum und das „Haus dazwischen“ (Projekt gegen Alkoholismus). Ein Resultat also, das weit davon entfernt ist, bedeutungslos zu sein. Im Jahr 2012 werden wir all unser Mögliches tun um diese Projekte weiter zu entwickeln.

Das Zelt des Überlebens
Diesen Winter haben wir am 15. November 2011 im 5. aufeinanderfolgenden Jahr unter Mitwirkung der Behörden im Distrik Admiraltejskij das geheizte Zelt für die Obdachlosen aufgebaut. Es ist das zweite Mal, dass wir dabei auf die Unterstützung durch die Behörden in diesem Bezirk zählen können. Seit seiner Eröffnung hat das Zelt mehr als 160 Personen beherbergt und 27 Obdachlose haben medizinische Versorgung erhalten.

Der Nachtbus
Im 2010 musste aufgrund von zahlreichen Pannen und fehlenden finanziellen Mitteln die Fahrtroute gekürzt und die Anzahl Stopps reduziert werden. Dank der grosszügigen Unterstützung von Petersburgern, verschiedenen Unternehmen und unseren schweizerischen, australischen und französischen Freunden konnte Nochlezhka 2011 einen neuen Bus kaufen mit dem die Verteilung ohne zu grosse Schwierigkeiten fortgesetzt werden kann. Im 2011 haben die Freiwilligen vom Nachtbus aus 23‘789 heisse Mahlzeiten ausgegeben. Momentan sind wir daran die finanziellen Mittel aufzutreiben, um sicherzustellen, dass der Bus auch im 2012 anstandslos läuft.

Das Empfangszentrum
Dieser Ort bleibt das grösste Zentrum der Stadt. Er beherbergt 54 Personen. Im 2011 haben wir darin 172 Obdachlose untergebracht, die so Recht auf ein Dach, Kleider, medizinische Untersuchung und gesundheitliche Versorgung hatten und warme Mahlzeiten bekamen. Und dank unserem Rechtsdienst haben 13 von ihnen eine Arbeit und eine Wohnung gefunden, 18 wurden von ihren Angehörigen oder von Notschlafstellen aufgenommen.

Rechts und Sozialberatung
Im 2011 war die Rechts- und Sozialberatung erneut sehr beschäftigt. Im Verlauf des Jahres haben die Sozialarbeiter mehr als 2600 Personen beraten und so deren Lebensbedingungen verbessert. Die Rechtsberatung wurde von 260 Personen in Anspruch genommen, dabei ging es um folgende Gebiete: Krankenversicherung, Kinderkrippe, Renten- und Arbeitslosengeld, Platzerhalt in Notschlafstellen, Wiederherstellen von Identitätspapieren, administrative Registrierung.
Ausserdem hat die tägliche Mühe unserer Rechts- und Sozialberater dazu geführt, dass die Opfer administrativer Benachteiligung im Allgemeinen einfacher zu ihren obligatorischen Versicherungspolicen kamen.
Unsere Juristen haben des Weiteren über 200 Fälle von Anstellungsdiskrimination detektiert und an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Eine Untersuchung hat in 20 Fällen zur Aussprechung einer Mahnung an die Adresse der Unternehmen geführt. Ein anderer Erfolg unserer Juristen, den zu erwähnen sich lohnt, betrifft die Integration der Obdachlosen in das Impfprogramm gegen Grippe.

Rehabilitationsprogramm für Alkoholiker
21 Personen haben am Programm «Das Haus dazwischen» teilgenommen, von ihnen haben 17 die Therapie erfolgreich abgeschlossen. 19 haben ihre Lebensumstände verbessern können (es ist ihnen gelungen, eine Wohnung zu finden bzw. zu den ihrigen zurückzukehren). 11 Personen haben ihre Identitätspapiere wiedererhalten.

Verteidigung der Menschenrechte
Aus unseren Statistiken für das Jahr 2011 geht  hervor, dass sich 500 Sans-Papiers und Obdachlose bei Nochlezhka gemeldet haben und registriert wurden, davon 30 % Frauen.
Es ist zu betonen, dass Nochlezhka sich mit steigender Hilfe von aussen bemüht, die Situation der zu Betreuenden stetig zu verbessern. Im Jahr 2012 haben wir die Absicht, weiterhin unseren Schwerpunkt auf die Verteidigung der Menschenrechte in all den genannten Gebieten zu legen. In diesem Sinne verfolgt Nochlezhka das Ziel, die Wahrnehmung und Einstellung der Bevölkerung gegenüber den Obdachlosen zu verändern. Unsere Experten haben über 100 Interviews im Radio und Fernsehen gegeben, wir haben 40 Presse-Communiqués herausgegeben, 15 wohltätige Veranstaltungen organisiert und durchgeführt, darunter z.B. das Konzert von Boris Grebentschikow und den Abend « Die Nacht der Leuchttürme » unter der Beteiligung weiterer Stars.

Das Team von Nochlezhka dankt all jenen russischen Bürgerinnen und Bürgern, die im Jahr 2011 den Obdachlosen geholfen haben. Zusammen schaffen wir viel !

Wie wünschen euch viel Freude und neue Kräfte für das 2012 !

Grigori Swerdlin

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