DIE AKTIONEN VON NOCHLEZHKA
Das soziale Hilfszentrum von Nochlezhka besetzt ein altes Gebäude am Rande einer Industriezone. Mit den zu Verfügung stehenden Mitteln wird der Ort nach und nach ausgebessert, um ihn nützlich zu gestalten. Die Heizgeräte wurden ausgebessert, der Hof soll eingezäunt werden. Einfache Möbel, Computer, wie auch Material für die medizinische Versorgung und für die Wiedereingliederung konnten, dank finanzieller Unterstützung von Partnerorganisationen, angeschafft werden.
Der Nachtbus
Gute 10 Stunden dauert es, wenn man die beiden Routen durch die Petersburger Banlieues, die von den beiden Nochlezhka-Bussen täglich abgefahren werden, zusammenzählt. An sieben vorbestimmten Orten werden jeweils warme Mahlzeiten verteilt. Das Ziel: Täglich etwa 300 Menschen eine richtige Mahlzeit zu offerieren, und ihnen so das Überleben ein bisschen zu erleichtern.
(Sehen Sie die Impressionen der Nord- und Südroute im Portfolio und den Kurzfilm, realisiert von Romain Travaille auf Youtube.)
Vier Freiwillige kümmern sich auf den Touren um die Nahrungsmittelverteilung. Zweimal pro Woche fährt ein Artzt mit, um die Obdachlosen medizinisch zu versorgen, ihre Verbände zu wechseln und leichte Medikamente zu verteilen. Diese täglichen Kontakte sind moralisch, wie auch physisch sehr wichtig für die Obdachlosen. Dieses Jahr ist diese Verteilungstour, auf Grund der fehlenden finanziellen Mitteln, stark gefährdet. Unterstützen Sie unsere Kampagne » Rettet den Nachtbus».
Das Zentrum der Aufnahme und der Wiedereingliederung
Nochlezhka hat ein Wiedereingliederungszentrum eingerichtet, das Obdachlosen zur Rückkehr in die Gesellschaft verhelfen soll. Etwas 50 Obdachlose verbringen hier ungefähr ein Jahr und erhalten täglich drei Mahlzeiten. Mit Hilfe von Sozialarbeitern motiviert Nochlezhka die Bewohner des Zentrums, ihr Leben neu zu organisieren und die nötigen administrativen Schritte dazu zu unternehmen. Das Hauptziel besteht darin, dass die gesunden Obdachlosen so schnell, wie möglich finanziell unabhängig werden, und vor allem, dass sie die berühmten Dokumente erhalten, den Schlüssel zur Rückkehr in die Normalität. Die Geschichte von Vadim ist ein Beispiel für eine erfolgreiche Wiedereingliederung.
Nochlezhka hat auch eine Arbeitsbörse auf die Beine gestellt, deren Erfolg nach und nach ansteigt.
Die juristische Beratung
Jährlich registriert Nochlezhka mehr, als 1000 neue Sans-Papiers, wobei es sich bei einem Grossteil um Obdachlose handelt. Ihre Anzahl steigt von Monat zu Monat an. Nochlezhka stellt den Sans-Papiers eine Ersatzidentitätskarte aus, die sie zumindest davor schützt, nicht grundlos von der Polizei festgenommen zu werden. Die Petersburger Autoritäten akzeptieren dieses Dokument "des Hauses", da sie wissen, wie langsam und ineffizient die staatlichen Behörden arbeiten.
Die zwei Juristen von Nochlezhka geben sich tagtäglich mit jeder Menge Bürokratie ab, die es zur Beantragung einer Propiska oder anderer administrativen Papieren braucht. Sie kontrollieren auch die der Arbeitsverträge, und die Lohnniveaus.
Die Ausstellung eines russischen Passes hat oft einen entscheidenden Hacken: Der Antragssteller muss russischer Nationalität sein. Da sich jedoch die Sowjetunion, nach ihrem Zerfall, in verschiedene Nationen aufteilte, blieben viele ehemalige Sowjetbürger staatenlos.
Im besten Falle muss man sechs Monate auf seinen beantragten Pass warten, die Wahrscheinlichkeit ist jedoch gross, dass man ein Jahr, länger oder ewig auf seinen Pass warten muss. Diese Übergangszeit bedeutet für die betreffende Person, weiterhin auf der Strasse zu leben. Denn für einen papierlosen Menschen gibt's keinen Zugang zu einem staatlichen Resozialisierungszentrum.
Täglicher Gesundheitsservice
Die längerfristigen Bewohner nicht mitgerechnet, kümmert sich Nochlezhka täglich um mehr, als 50 Obdachlose, indem sie ihnen ein warmes Frühstück offeriert und sich medizinisch um sie kümmert. Ein externer, ehrenamtlicher Arzt kommt einmal pro Woche zu Nochlezhka, um die Kranken zu untersuchen, und ihnen eine Diagnose zu stellen. Jeden Morgen kümmert sich eine Krankenschwester um die Medikamentenausgabe, wechselt Verbände, und führt durch, was der Arzt verschrieben hat.
Es ist zu unterstreichen, dass diese medizinische Hilfe absolut wichtig ist. Im Winter sind Erfrierungen und Wundbrand an der Tagesordnung. Kleine Wunden und Verletzungen können sich unter gewissen Umständen gravierend verschlimmern, Krankenhäuser weigern sich jedoch, Obdachlose und Sans-Papiers zu behandeln.
Nach dem Gesundheitsgesetz sollte zwar jeder von Notfallhilfe profitieren können, Papiere hin oder her. Erfrierungen erfordern jedoch lange und teure Behandlungen. So ziehen es die Krankenhäuser vor, den Obdachlosen statt einer anständigen Behandlung einen Glücksverband zu verpassen, ihnen ein paar Medikamente zu verteilen, und sie danach wieder auf die Strasse zu stellen, wo sie von neuem dem rauhen Wetter ausgeliefert sind.
Wegen technischen und finanziellen Gründen, ist der Zugang zu Wasser, zu warmen Duschen und zur Waschküche nur den Bewohnern des Aufnahmezentrums gestattet. Den Tagesbesuchern stehen mobile Sanitäranlagen zur Verfügung. Alle, die danach fragen, können bei der Kleiderausgabe ihre abgetragenen Kleider gegen saubere Kleidung in gutem Zustand eintauschen.
Psychologische Hilfe und Alkoholprävention
Zweimal pro Woche finden psychotherapeutische Gruppengespräche statt, und pro Woche werden jeweils drei Treffen der Organisation der Anonymen Alkoholiker organisiert.
Das Zelt der letzten Chance
Das Klima in Sankt-Petersburg ist heftig, vor allem im Winter, wenn das Thermometer mit den minus dreissig liebäugelt.
Für die entwurzelten Obdachlosen ist das Überleben keine Selbstverständlichkeit.
Viele Obdachlose sind stark gefährdet durch Erkältungen, Wundbrand, Folgen von Amputationen und Lungenentzündungen.
Aufgrund dieses schlimmen Zustandes, und wegen ihrer schwachen Finanzlage, hat sich Nochlezhka entschieden, eine einfache, temporäre Aufnahme zu organisieren.
Mit diesem Ziel hat sie von der Armee ein Wärmezelt mit der Grundfläche von 60 km2 gekauft, in dem es Platz für 60 Menschen hat.
Die Aktion wurde im Winter 2008 und 2009 wiederholt.
Obdachlose Familien, ein wirklich schlimmer Fall
Man schätzt, dass von den Obdachlosen etwa 10% Familien mit einem oder mehreren Kindern sind. Eine obdachlose Familie hat in der Legalität nicht allzu grosse Chancen. Denn wenn die Frau ihr Kind auf dem Notfall, dem einzigen Ort, an dem sie toleriert wird, zu Welt bringt, hat dieses Neugeborene kein Recht auf eine Registrierung, weil die Mutter keine Papiere besitzt. Der Vater darf das Kind, selbst wenn seine Dokumente in Ordnung sind, nicht als das seine anerkennen, da es ja offiziell nicht existiert. Auch eine Heirat mit der Mutter des Kinder ist unmöglich, da diese ja offiziell identitätslos ist.
Dem Neugeborenen werden jegliche Rechte verweigert: Es erhält weder Kinderzulagen, noch medizinische Untersuchungen, noch Impfungen und es hat keinen Zugang zur Schule.
Als Reaktion auf diese Situation hat Nochlezhka, erstmals 2006, begonnen 63 Familien, mit Kindern unter 15 Jahren, zu helfen. 2008 haben sich bereits 152 Familien an die Organisation gewandt. Ihre Anzahl steigt ständig an – ihre Verzweiflung ebenfalls.
Bei Nochlezhka erhalten werden diese Kinder medizinisch betreut und erhalten passende Kleider.
Das tragische Schicksal von Véronika veranschaulicht das Drama, das die mehr als 5000 papierlosen Familien durchmachen.
